Thomas Hirschhorn, Statement: Ich werde nicht mehr in der Schweiz ausstellen
Thomas Hirschhorn
Ich will unnachgiebig sein, ich will diesen heute von den Volksvertretern gewählten Bundesrat nicht akzeptieren, denn nichts ist luxuriöser, nichts ist bequemer, nichts ist selbstgefälliger als jetzt Demokrat zu sein - aber Demokratie ist nicht unangreifbar, denn der heutige Tag beweist, dass Demokratie angreifbar ist - das Problem der Demokratie ist, dass sie ihre eigene Unantastbarkeit impliziert - mir geht es nicht darum gegen die Demokratie zu sein, es geht mir darum über die Demokratie hinaus zu gehen, es geht mir darum in Überstürzung, in Blindheit und in Kopflosigkeit, mich selbst zu autoriseren eine Entscheidung zu fällen die Selbstüberwindung fordert, ich will mich überfordern, ich will mehr fordern als ich verlangen kann, ich will nicht das Mögliche, ich will das Unmögliche - die Kunst will nicht das Mögliche die Kunst will das Unmögliche - ICH WERDE NICHT MEHR IN DER SCHWEIZ AUSSTELLEN - in der Kunst triumphiert das Unmögliche über das Mögliche, das ist der Triumph über den Narzissmus, über die Depression, über Ressentiment und über die Angst - ich will unbeugsam sein, denn Kunst ist nicht konsensfähig, Kunst ist nicht diplomatisch, man kann keine Kunst mit faulen Kompromissen machen - man wird mir vorwerfen träumerisch und unrealistisch zu sein, dabei will ich nur eine Bewegung riskieren mit unkontrollierbarem Verlauf und ich will mir radikale Verantwortung leisten, absoluten Exzess - ich will etwas verantworten was unverantwortbar ist und was mich destabilisiert aber ich will einverstanden mit mir sein - ich will nicht kritisch sein, ich will nicht polemisieren, ich will einverstanden sein - denn für mich ist die Kunst ein Werkzeug, ein Werkzeug um mich mit der Realität zu konfrontieren, ein Werkzeug um die Zeit, in der ich lebe, zu erfahren und ein Werkzeug um die Welt kennenzulernen - Kunst ist auch eine Widerstandsbewegung, Kunst widersteht, Kunst ist weder passiv noch reaktiv, Kunst greift an - durch und mit meiner künstlerischen Arbeit will ich mich mit der Realität auf der Höhe ihrer Komplexität, ihrer Dichte und Unbegreiflichkeit auseinandersetzen, ich will inmitten der Unübersichtlichkeit handeln - ich will mutig sein, ich will mich nicht einschläfern lassen, ich will weiterarbeiten und ich will glücklich sein. Das Wichtigste bei meinem Statement für einen Schweizer Ausstellungsboycott ist, DASS ICH MACHEN WERDE WAS ICH ANGEKÜNDIGT HABE - darauf kannst man sich verlassen, ich will kein Politiker werden, deshalb sind alle Fragen des "wie", des "wo" und des "wann" im Moment zweitrangig - erstrangig ist aber WARUM, ich will mit meinem Boykott zeigen, dass eimal Schluss sein muss mit dem schleichenden Faschismus - denn ich weiss, dass Leute wie Blocher sich auch nicht im Bundesrat ändern werden, die Geschichte beweist das - das zu Gegenteil zu glauben ist Naivität, Blindheit oder Dummheit, niemand scheint daraus gelernt zu haben in der Schweiz. Blocher, Haider, LePen stelle ich auf die gleiche Stufe - Robert Fleck hat vor 4 Jahren zum Boycott von Ausstellungen in Österreich aufgerufen (anlässlich des Eintritts in die Regierung der Partei Haider's), ich fand das damals richtig und ich habe seit 2000 kein Ausstellungsangebot in Österreich angenommen - ich wusste schon damals, dass die nächsten in der Reihe der Europäischen Renaissance des fremdenfeindlichen und rassistischen Gedankenguts wir Schweizer sein werden, jetzt ist es soweit und ich bin deshalb nur konsequent, ich denke daran, dass Blocher in ein paar Jahren als höchster Schweizer die Schweiz, unser Land repräsentieren wird, MEIN LAND, das akzeptiere ich, als Schweizer nicht.
Thomas Hirschhorn, Aubervilliers, 10.12.2003