Künstlergespräch: Gerwald Rockenschaub mit Yvonne Volkart, in der Galerie Susanna Kulli, St. Gallen

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Zu der Ausstellung

SUSANNA KULLI: Meine Zusammenarbeit mit Gerwald Rockenschaub begann 1985 mit der Ausstellung „Augensex“. Seither bedeutet Rockenschaub für mich Rhythmus, Beschleunigung, Konzeption, Sinnlichkeit und Spass. Das ist nicht nur in der Musik zu hören, die er gestern abend in der Kunsthalle drüben aufgelegt hat, das alles ist auch in seiner Kunst zu sehen. "Popkultur, Film, Werbung, Mode und Technoszene - das ist die heutige zeitgenössische Kunst, das alles zusammen macht Kultur aus", sagt Gerwald Rockenschaub; „wanna play?“ heisst die jetzige Ausstellung. Gerwald Rockenschaubs Kunst hebt ab. Froh macht es mich immer wieder, wenn ich sehe, dass er weiterhin seine schweren Schuhe an den Füssen trägt. Sie geben mir die Sicherheit, dass er nicht in den Kosmos abschwirrt und im Universum aufleuchtet, sondern hier, unter uns.

YVONNE VOLKART: Gerwalds Tätigkeiten sind ein schönes Beispiel für eine kulturelle Praxis, in der die Unterschiede zwischen Produktion und Produkt tendenziell aufgehoben werden. Du, Gerwald, arbeitest ja neben dem, dass du Kunstprodukte herstellst, auch als Designer. Du hast z.B. für die Messe „Young Art“ in Basel das Raumkonzept entworfen. Und du arbeitest als DJ. Hier nun haben wir ein Ambiente vor uns, das eher skulptural wirkt. Gleichzeitig erinnern die Objekte auch an Möbel. Was war dein Beweggrund, diese Objekte, die vom Motiv her im Rahmen deiner Arbeit neu erscheinen, zu machen?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Da gibt's mehrere Beweggründe. Zum einen sollten, wenn ich in einer Galerie ausstelle, zumindest potentiell handelbare Objekte vorhanden sein. Zum anderen hat mich die Tatsache interessiert, dass ich in dieser Galerie zwei Wände eingebaut habe. Darauf wollte ich reagieren. Und ich wollte auch wieder einmal eine neue Arbeit machen.

YVONNE VOLKART: Du hast letztes Jahr für die Ausstellung „diverse Einbauten“ die beiden Wände hier eingezogen. Die neue Arbeit reflektiert damit eine Tätigkeit, die du einmal gemacht hast. Sie ist eine Art Meta-Arbeit. Sie nimmt Bezug auf das Einziehen der Wände, welches eine strukturverbessernde Massnahme in einer Galerie war. Sie nimmt auch Bezug auf die Galerie als sozialen Ort: Eine Wand ist hier dazu da, um Bilder hinzuhängen, zu präsentieren und zu verkaufen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich habe diese Wände weitergespielt, mit anderen Mitteln mein Spiel weitergetrieben, wenn man so will. Das, was jetzt hier zu sehen ist, reflektiert im weitesten Sinn das, was in dieser Galerie normalerweise gezeigt wird: Skulptur, Malerei, Objekte an der Wand und Objekte im Raum.

YVONNE VOLKART: Deine Objekte wirken stark modellhaft. Sind sie eine Art Denkmodell für das, was in einer Galerie passiert, für die Wahrnehmung und den Verkauf von Kunst? Oder nimmt deine Arbeit eher Bezug auf einen möglichen weiteren Kontext von Sammlerinnen und Sammlern, also auf eine Lounge, ein Büro, ein Sitzungszimmer oder eine Privatwohnung? Die Arbeit besteht ja nebst den Wänden aus dem Sofa und diesen zwei Hockern.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Wie du schon gesagt hast, haben diese Arbeiten einen modellhaften Charakter, den ich ganz bewusst nicht überschreiten wollte, und sind u.a. als Denkmodell für die genannten Orte zu verstehen. Dieses Sofa z.B. ist so konzipiert und angefertigt worden, dass maximal zwei Personen längere Zeit einigermassen bequem darauf sitzen können. Wenn ich dieses Objekt als Sitzmöbel definieren wollte, müsste ich es technisch ganz anders herstellen. Denn es ist nicht sonderlich bequem. Es war meine Intention, diese Objekte so zu gestalten, dass sie eben nicht klar und eindeutig als Designer-Möbel zu identifizieren sind. Wenn ich richtige Sitzmöbel entwerfen und herstellen wollte, müsste ich sie funktioneller im Sinne des Möbelhandels konzipieren, d.h. billiger, robuster, bequemer usw. Dann würde ich sie auch nicht in dieser Galerie in St.Gallen zeigen, sondern sie industriell anfertigen lassen und in den kommerziellen Handel bringen - und dabei wahrscheinlich wesentlich mehr Geld verdienen als mit diesen einzelnen modellhaften Objekten. Hier jedoch ist diese Arbeit funktionell im Sinne der Kunst und einer Galerie. Die Objekte funktionieren als Kunstobjekte und werden auch als solche zum Verkauf angeboten.

YVONNE VOLKART: Würdest du in einem anderen Kontext dafür sorgen, dass das Objekt bequemer wäre?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Das Modellhafte hat in einer Galerie einen Sinn, weil man hier davon ausgeht, dass der Besucher eine gewisse Reflexionsbereitschaft mitbringt. In Wien organisiere ich gemeinsam mit einem Freund Clubveranstaltungen unter dem Titel „the audioroom“. Wenn wir dort Möbel aufstellen, müssen diese auch als solche funktionieren. Da geht es nicht darum, Kunstobjekte zu plazieren, die teuer sind, die kaputtgehen können, sondern da stelle ich einfach ein Sofa rein, das benutzbar ist, ein möglichst abgefucktes, denn es soll einem nichts ausmachen, wenn es beschädigt wird. Da spielen andere Kriterien eine Rolle, Benutzbarkeit in dem Sinne, dass ich mir nicht überlegen muss, was es ist, was es bedeutet, wenn ich mich darauf setze. Hier in der Galerie haben wir eine vollkommen andere Situation und eine andere Erwartungshaltung und Reflexionsbereitschaft der Besucher, die meistens einzeln oder in kleineren Gruppen hereinkommen, um sich eine Kunstausstellung anzuschauen. Mit dieser Erwartungshaltung spiele ich auch, ebenso mit den sozialen Bezügen, die durch diese Sitzgruppe und die Möglichkeit ihrer Benutzung entstehen, und rechne in diesem Rahmen auch, im Unterschied zu einer Party im „audioroom“, mit der Reflexionsbereitschaft des Publikums.

SUSANNA KULLI: Bei der Eröffnung haben sich junge Leute einfach darauf gesetzt. Sie haben das nicht als Kunstobjekt gesehen, sondern als Sitzgelegenheit. Da passiert auch etwas von der Generation her.

YVONNE VOLKART: Sich einfach darauf setzen heisst ja nicht, es nicht doch als Kunst wahrnehmen. Sogenannte "Ambient-, Interaktions- oder Kommunikationskunst", als welche das von Susanna erwähnte Publikum diese Arbeit hier decodiert, liegt zur Zeit im Trend. Ich sehe in diesem scheinbar lockeren Rezeptionsverhalten keine grossen Veränderungen, zumal Versuche, das Rühr-mich-nicht-an-Diktat aufzulösen, bereits kunstgeschichtlich sanktioniert sind. Auch innerhalb deiner Arbeit gibt es eine Sitzmöbeltradition. Du hast doch Bänke gemacht, auf die man sich noch viel unwillkürlicher setzte, als auf die Hocker und das Sofa in diesem modellhaften Setting.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Jene Arbeiten hatten eine etwas andere Funktion. Sie wirkten eher als Katalysatoren. In New York stellte ich 1992 eine Arbeit aus, bei der ich vor die Fenster, die den Blick auf eine gegenüberliegende blau bemalte Feuerwand freigaben, zwei Bänke hinstellte. Da ging es weniger um die Bänke als Kunstobjekte, sondern um das, was man damit machen konnte: sich hinsetzen und hinausschauen. Der Ausblick war in diesem Fall sehr prominent, man sah das World Trade Center, die sehr belebte Strassenkreuzung zwischen der Green und der Spring Street... Um etwas ähnliches ging es auch in meiner letzten Ausstellung in der Galerie Walcheturm in Zürich. Diese Bänke waren weniger Zitate einer Möglichkeit als wirkliche benutzbare Bänke.

YVONNE VOLKART: Du sagtest, dass du dich an die Strukturen anpasst, dass du mit Erwartungshaltungen arbeitest.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich kenne die Erwartungen und spiele damit, wenn man das so sagen kann. Weil ich sie kenne, kann ich sie auch berücksichtigen und in meine Arbeit einplanen, jedoch nicht unbedingt so, dass ich sie erfüllen muss oder will. Das ist aber nur ein winziger Bestandteil meiner Arbeit und spielt keine primäre Rolle.

YVONNE VOLKART: Aber der Titel dieser Ausstellung „wanna play?“ bezieht sich doch darauf. Willst du mitspielen in diesem Kunstritual, das hier in der Galerie stattfindet? Willst du mitspielen in dem Spiel, bei dem man einen Hocker oder ein Sofa als Skulptur anschaut? - So lese ich diesen Titel.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Das ist vollkommen richtig.

YVONNE VOLKART: Bei diesen Erwartungen setzt du doch an und entscheidest, ob du eher service- oder produktebezogen arbeiten willst. Du machst ja nicht den DJ in der Galerie.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Der Titel spricht diesen Aspekt an und dient hier als Aufhänger oder Einstiegshilfe, bezieht sich aber in erster Linie auf diese spezielle Ausstellung. Die nächste hat sicher einen anderen oder vielleicht auch keinen Titel und wird thematisch auch einen anderen Aspekt abhandeln. - Hier den DJ zu machen wäre so für mich nicht interessant.

YVONNE VOLKART: Warum nicht? Aus ästhetischen Gründen? Und gäbe es auf einer symbolischen Ebene nicht eine Identität zwischen Kunst und DJing? in dem Sinne, als dass beides "play" und "fun" ist? Du hast hier ein Videotape laufen, in dem wir dich sehen, wie du gestern in der Kunsthalle drüben ein DJ warst. Das heisst, du findest es doch relativ wichtig, dass wir von deiner DJ- Tätigkeit wissen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich habe das Video eher ortsunabhängig aufgenommen; ich habe bei der Aufnahme das Publikum bewusst ausgespart und aus diesem Grund auch keinen grösseren Raumausschnitt gewählt. Die Aufnahme ist, weil sie räumliche und soziale Details ausspart, relativ neutral. Das Ganze könnte sich in der Disco XY abspielen, in der Kunsthalle drüben oder bei mir zu Hause, eben überall, wo ein dementsprechendes Equipment zur Verfügung steht. Das Video ist dazu da, einen anderen Bereich zu dokumentieren, der mir sehr wichtig ist: die Musik. Das DJing ist sehr wichtig für mich. Auch für das, was ich als bildender Künstler mache. So gesehen hat die Aufnahme eine ganz klare Funktion.

YVONNE VOLKART: Inwiefern findest du die Musik wichtig für deine Arbeit als Künstler?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Sie ist Teil des kulturellen Backgrounds, aus dem heraus ich meine künstlerische Arbeit mache. Das kulturelle Segment, in dem sich ein Mensch bewegt, ist doch sehr wichtig für ihn. "Welchen kulturellen Einflüssen setze ich mich aus? Gehe ich ins Theater, gehe ich in klassische Konzerte, oder gehe ich in die Disco, oder beides?" - All das beeinflusst einen ungemein. Würde ich z.B. Techno nicht kennen oder ablehnen, dann würde ich garantiert etwas vollkommen anderes machen. Meine kulturelle Sicht der Dinge wäre eine andere. Das Video dient in erster Linie dazu, über diesen bestimmten Bereich meines kulturellen Backgrounds zu informieren.

YVONNE VOLKART: Als ich in Wien erlebte, dass du an verschiedenen Kunstevents, an Ausstellungseröffnungen in Off-Räumen etc., als DJ in Erscheinung trittst und deinen „audioroom“ machst, der ebenfalls stark von der "szenigen" Kunstszene frequentiert wird, wurde ich verunsichert, da ich annahm, dass du dein Repertoire und die Schicht gewechselt hast und ausschliesslich Unterhaltungskünstler wurdest - eine Funktion übrigens, die der Künstler im bürgerlichen Kunstbegriff sowieso einnimmt. Wenn man das Videoband anschaut, könnte man auch an eine Art Performance denken. Im Moment sind ja Tanzvideos ziemlich en vogue. So eins ist aber dein Band nicht.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Es kann es auch sein. Meine künstlerische Realität sieht so aus, dass ich einerseits bildender Künstler bin, in erster Linie, und dann bin ich auch Musiker und DJ. Ich bewege mich auf beiden Ebenen. Ich bin professioneller Musiker, professioneller DJ und professioneller bildender Künstler. Diese Ebenen kann ich sehr gut trennen. Ich kann sie aber auch, wenn es mir sinnvoll erscheint, verbinden. Hier lag das auch deshalb nahe, weil ich gestern an dieser Party in der Kunsthalle aufgelegt habe.

YVONNE VOLKART: Du reagierst also auf Angebote, und die kommen auch aus dem nicht-künstlerischen Rahmen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Diese Angebote kommen auch aus dem, wie du sagst, nicht künstlerischen Rahmen. Wenn ich sage, ich bin professioneller DJ und professioneller Musiker, dann bezieht sich das auf diese Ebene. Ich nehme Platten auf, spiele in Clubs und auf Partys. Raves mache ich nicht mehr. Für mich wäre es auch nicht wirklich interessant, nur ein Kunst-DJ zu sein.

YVONNE VOLKART: Da fällt mir ein Unterschied auf. Rirkrit Tiravanija stellt in der Kunsthalle das Modell seines New Yorker Musik-Übungsraumes nach, das Musikerinnen und Musiker für die Dauer der Ausstellung benutzen dürfen, zudem finden darin Konzerte und Discos statt. Da geht es scheinbar darum, Leute aus der Musikszene in die Kunstszene einzuschleusen, die idealistisch gestimmte Funktion der Funktionslosigkeit von Kunst in Richtung einer alltäglichen Situation zu verschieben und damit den traditionellen Kunstbegriff aufzulösen. Vielmehr jedoch wird dem Publikum einfach eine "lebendige Skulptur" präsentiert. Denn allein das Wissen darum, dass ein Künstler das Ganze hier hingestellt hat, das noch dazu Teil seiner Biographie ist, veranlasst, dass es- was es auch immer sei - als Kunst rezipiert wird. Eher als dass der Kunstort und die Kunst Alltag werden, werden die Musikerinnen und Musiker sowie das Publikum in eine symbolische Vitrine gestellt. Zweifellos hat das Auswirkungen auf die Form der Kunst, aber ob sie Auswirkungen auf deren Funktion, mithin soziale Implikationen hat, bezweifle ich. Du hingegen akzeptierst, oder besser, markierst von vornherein die Grenzen. Du unterscheidest, wenn ich dich recht verstanden habe, zwischen einer Galerie und einer Party, an der du auflegst. Du hast keine Lust, in der Galerie Partys steigen zu lassen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Eine Tatsache, die man nicht übersehen sollte, ist, dass dieser Begriff in der jüngeren Kunstszene ohnehin schon relativ aufgeweicht ist. Wenn ich mich auf den „audioroom“ in Wien beziehe, wo wir jüngere Künstler, welche die Party-Szene kennen und frequentieren, dazu eingeladen haben, die Dekoration zu machen oder Videos zu zeigen, dann vermischen sich da die Grenzen ohnehin, ganz natürlich, ohne dass ich von aussen her künstlich etwas konstruieren muss. Da fragt keiner, ob das nun Kunst sei, Party oder was auch immer. In diesem Kontext ist das vollkommen egal. Es erfüllt einen Zweck, denjenigen nämlich, dass wir attraktive Visuals haben, die einen gewissen Publikumsanreiz bieten. Ausserdem ist der „audioroom“ keine Kunst-Party, sondern funktioniert im Wiener Party/Club-Kontext. Vor ein paar Monaten wurde ich von „Bricks & Kicks“ in Wien eingeladen, bei einer Ausstellung mitzumachen. Der Titel war „Oasis“, und mein Beitrag sollte eine DJ- Performance am Eröffnungsabend sein. Wenn man nun weiss, dass „Bricks & Kicks“ ein Offspace ist, in welchem aktuelle Off-Kunst stattfindet und deshalb auch von einem dementsprechend interessierten und informierten Publikum frequentiert wird, ist meine Entscheidung, dort aufzutreten, wahrscheinlich verständlich, da in diesem Kontext die Voraussetzungen für eine richtige Decodierung gegeben waren, und es war dann auch eine ganz nette Eröffnung, mit Party-Charakter, viele Leute, gute Stimmung usw. Das heisst, es kommt schon sehr darauf an, in welchem kulturellen Rahmen man etwas macht. Im Kulturbetrieb gibt es viele verschiedene Ebenen oder Kontexte mit verschiedenen Regeln, Definitionen, Codierungen, und je nachdem, wo bzw. vor welchem Publikum man auftritt, wird man entweder "verstanden" oder nicht. Im Unterschied zur „Bricks & Kicks“ Ausstellung war die Party in der Kunsthalle St.Gallen, wo ich gestern in dem von dir vorher beschriebenen Ambiente aufgelegt habe, ein ziemlicher Reinfall, da das "richtige" Publikum grösstenteils gefehlt hat, und wenn dann bloss zwei oder drei Leute zwar ambitioniert, aber leider doch untalentiert herumhopsen, dann ist das nicht unbedingt das, was ich unter Party verstehe und was mir riesigen Spass macht, aber da ich gerne Platten auflege, ist das alles nicht so schlimm, und wenn es ein paar Besuchern gefallen hat, dann bin ich zufrieden.

PUBLIKUM: Wenn ich Ihre Kunstwerke betrachte, sollen diese dann zu mir sprechen oder ich zu ihnen? Es gibt Künstler, die sagen, ich möchte dies oder jenes herüberbringen. Wollen Sie auch etwas herüberbringen?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich habe keine Ahnung, was Sie generell über Kunst wissen.

PUBLIKUM: Sagen wir mal, ich weiss von nichts.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Dann sollten Sie sich informieren, in welche Richtung auch immer.

PUBLIKUM: Ich informiere mich, bei Ihnen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: So einfach funktioniert es nicht. Kunstbetrachtung, Kunstkonsum kann man nicht auf eine einzige Person fixieren. Das ist unmöglich. Was ich allein zu sagen habe, ist vollkommen uninteressant. Es ist nur interessant, was ich in einem gewissen Kontext, der so oder so funktioniert und diese oder jene Kunst hervorgebracht hat, zu sagen habe. Man kann das nicht abstrakt behandeln. Zumindest nicht so, wie ich es sehe und wie ich Kunst mache. Was ich zu sagen hätte, ist nur verständlich, wenn man ein bestimmtes Wissen, bestimmte Grundvoraussetzungen mitbringt. Das ist aber bei allem so, nicht nur in der Kunst. Wenn ich ohne die geringste Ahnung in welchen Bereich auch immer hineingehe, dann werde ich nicht wissen, was sich da abspielt. Ich muss mir, um überhaupt einen Einstieg zu finden, Grundinformationen zulegen. Ich bin aber kein Kunsterzieher, und ich bin kein Kunstvermittler. Ich bin Künstler. Was aber nicht heisst, dass ich nichts zu sagen habe.

PUBLIKUM: Meine Frage lautete: Was möchte Gerwald Rockenschaub mitteilen?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Heute hat mir diese Frage schon mal jemand gestellt und auf so eine Frage habe ich einfach keine Antwort. Für mich gibt es diesen einen Satz nicht, der alles kurz und allgemein verständlich erklärt. Oder ich habe ihn nicht gefunden. Was ich vorher gesagt habe, meine ich nicht provokativ, ich meine es so, wie ich es gesagt habe: dass man ein gewisses Grundwissen braucht, um Kunst generell verstehen zu können, denn ich glaube nicht, dass man Kunst rein emotional verstehen kann. Ich sehe mich nicht isoliert als der Künstler soundso, der unabhängig von allem anderen agiert, sondern ich agiere hier und jetzt, in dieser Zeit, in einem bestimmten Feld, unter bestimmten Bedingungen. Ich agiere im Kunstrahmen, und ich behandle Themen und Probleme der Kunst. Wenn man ihre Geschichte und Entwicklung nicht kennt, dann ist es unmöglich, zu verstehen, was ich mache. Darum meine ich das absolut ernst: Es ist wichtig, sich in erster Linie an den zuständigen Orten, in den Galerien, Museen, Bibliotheken etc., darüber zu informieren, was überhaupt Kunst ist, um sich dann mit den einzelnen Positionen der Künstler zu befassen. Nur so begreift man die Zusammenhänge. Es ist ebenso wichtig, Ausstellungen und Events zu besuchen, dort Leute kennenzulernen, sich über den aktuellen Diskurs zu informieren etc.

PUBLIKUM: Welche Rolle innerhalb deines "Spiels", wie du deine Kunstpraxis vorher definiert hast, spielt dieses orange Luftkissen dort drüben an der Wand?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Die transparenten Objekte hier im Raum sind gewissermassen Skulpturen, das orange Objekt ein aufblasbares Bild, und ich wollte im Gegensatz zu diesem dezenten, transparenten Material noch etwas Knalliges, Farbiges dazugeben, damit die Ausstellung nicht zu dezent wird.

PUBLIKUM: Dann könnte man die orange Arbeit als Zitat eines Bildes lesen?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Es ist das Zitat eines Bildes, wenn man so will.

PUBLIKUM: Jedes Bild ist das Zitat eines Bildes.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ja und Nein. Aber mir wird das jetzt zu abstrakt. Das geht in eine Interpretation hinein, die nicht mehr meine Sache ist. Ich kann an diesem Punkt nur so viel sagen: Ich liefere in dieser Ausstellung ein Dispositiv, das solche Problematiken beinhaltet, und stelle damit eine gewisse Rezeptionsplattform oder Diskussionsgrundlage zur Verfügung, und ich weiss, dass Leute wie du darauf kommen, zu sagen, das sei das Zitat von dem und dem.

YVONNE VOLKART: Also hat dich dieser symbolische Hybrid zwischen einem eindeutigen funktionalen Stück und einem Kunstding interessiert?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Könnte man so sagen. So, wie ich das mache, versuche ich immer, jede Arbeit, die ich konzipiere, möglichst vielschichtig zu gestalten, also möglichst viele Aspekte hineinzubringen. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit meistens mit sehr einfachen Dingen, auf den ersten Blick sind es eigentlich sehr banale Gegenstände oder Themen, die ich dann während des Arbeitsprozesses mit verschiedensten Aspekten auflade. Wenn es nur ein Zitat von irgend etwas wäre, dann würde mir das nicht genügen. Diese Ausstellung zitiert u.a. die Möglichkeiten des Raumes hier, die Möglichkeiten im Kunstrahmen, von mir aus auch einen gewissen modischen Aspekt usw. Durch die Ausstellung von Tiravanija in der Kunsthalle nebenan wird eine weitere künstlerische Position sichtbar, ein Beispiel dafür, wie man mit ähnlichen Aspekten spielen kann und trotzdem vollkommen anders, gegensätzlich geradezu. Ausserdem sind die Arbeiten, die ich zu einem gegebenen Zeitpunkt mache, in gewisser Weise auch immer Reaktionen auf das, was ich bereits gemacht habe, oder, besser gesagt, ein Weiterspielen dessen.

PUBLIKUM: Jeder Musiker, jeder Schriftsteller, jeder Künstler vermittelt auch eine Botschaft an einen Menschen, der nichts weiss. Wir müssen uns zwar informieren, und dann verstehen wir etwas von Kunst, aber sie wirkt auch auf einen Menschen, der nichts weiss. Jeder hat Gefühle. Sibelius z.B. wollte uns durch seine Musik die Stille zurückgeben.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich weiss, was Sie meinen, und ich will nicht abstreiten, dass Kunst auch auf einen Menschen ohne fachspezifisches Grundwissen wirkt, aber ich denke, man sollte dieses Thema doch etwas differenzierter betrachten.

PUBLIKUM: Wie war das aber mit diesem Grundwissen zu verstehen?

GERWALD ROCKENSCHAUB: Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Kunst oder Musik oder allgemeiner Kultur zu rezipieren und zu konsumieren. Dadurch, dass ich auch in der Musikszene aktiv bin und mit der Undergroundszene zu tun habe, kenne ich verschiedene Rezeptionsebenen, d.h. auch die Rezeption von Leuten, die viel unbefangener an die Dinge herangehen, und ich fühle mich der Partyszene in vielerlei Hinsicht verbunden. Wie du gesagt hast, Susanna, die Kids gehen rein, setzen sich auf die Hocker, und es ist kein Problem, ob das jetzt Kunst ist oder was auch immer. Es ist da, man kann sich darauf setzen, das ist es. Und es ist OK. Mir ist das sehr sympathisch und verständlich, denn so wird heute auch Kultur konsumiert. Es ist wie im Fernsehen. Ich sitze vor dem Schirm und schaue mir nichts Bestimmtes an. Mich interessieren weder eine bestimmte Handlung noch konzentriere ich mich allzu sehr auf die diversen Inhalte. Diesen oberflächlichen visuellen Input zu haben, schätze ich ungemein. Er erfüllt einen Zweck, sei es Ablenkung, schnelle Information oder sonst was und bietet mir eine tolle kulturelle Möglichkeit. Dieser schnelle unreflektierte Konsum funktioniert bis zu einer gewissen Grenze ganz gut. In diesem Bereich des Kunstbetriebs, in welchem wir uns befinden, würde mir jedoch diese relativ eindimensionale Sicht der Dinge nicht sehr viel bringen, da es in diesem Rahmen, aufgrund des hier Gebotenen, eher um Reflexion als um schnellen oberflächlichen Konsum geht, und ich würde auf diese Weise das meiste nicht oder nur halb verstehen. Um hier zu verstehen, benötige ich zumindest eine gewisse Grundbereitschaft, mich reflektierter und näher mit dem Gebotenen zu beschäftigen, und eben auch ein gewisses Wissen oder kulturelles Know-how. Ein wichtiger Faktor ist, wie gesagt, der kulturelle Background, den man hat. Würde ich mich z.B. eher zum traditionellen Kunstbetrieb hingezogen fühlen, dann würde ich alles, was in der heutigen Kunst passiert, anders rezipieren, unter Umständen auch ablehnen oder vielem mit Unverständnis gegenüberstehen, weil mir das nötige Basiswissen in erster Linie fehlen würde. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, und so gesehen muss ich einegewisse Grundinformation von allem haben, sonst kann ich das heutige Leben nicht decodieren.

PUBLIKUM: Ich meine, dass die künstlerischen Problemstellungen ihre Geschichte und ihre Tradition haben. Irgendwann ist man an dem Punkt angekommen, an dem man mit der Hierarchie, auf die du anspielst, der Hierarchie zwischen Künstler und Betrachter, völlig gebrochen hat. Man nimmt nicht mehr an, der Künstler habe etwas zu sagen und der Zuschauer lausche ergeben. Diese Haltung zerbricht seit 200 Jahren immer mehr. Inzwischen sind wir dahin gekommen, dass der Künstler ein Instrument hinstellt und wir als gleichberechtigte Partner mit diesem Instrument umgehen. Deshalb ist es unter Umständen so, dass die Kunst, die nichts sagt, die vielsagendste Kunst ist. Wenn die Kunst keine Botschaft und nichts zu sagen hat, fordert sie uns um so mehr dazu heraus, mit dem nichtssagenden Kunstobjekt umzugehen. Das ist die grösste Herausforderung, die es innerhalb der Kunstgeschichte gibt.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Ich sehe das ganz klar auch so. Ich stelle Möglichkeiten zur Verfügung, und damit ist mein Job definiert. Und dann kommt das Publikum, welches weiterarbeiten, reflektieren, sich selbst etwas dazu denken, damit umgehen soll.

PUBLIKUM: Du stellst dir spezifisch künstlerische Problemstellungen oder entwirfst solche. Du bist ein bildender Künstler und gibst dich mit visuellen Problemen ab. Wenn man die Geschichte deiner Arbeit kennt, geht es dir immer auch um visuelle Probleme. Von deinen frühen Gemälden bis zu diesen Arbeiten hier können alle in diesem Problemstellungszusammenhang gesehen werden. Mich interessiert die spezifische Arbeit, die du hier gemacht hast, und zwar innerhalb der spezifischen Probleme des Sehens. Wenn ich das kurz umreissen darf, dann ist es ja so, dass du nach den frühen Gemälden immer häufiger anderes Material mit einbezogen hast. Von Plexiglasplatten bis hin zu Möbeln. Immer hast du mit Gegenständen hantiert: mit Treppen, Stiegen, Bänken. Und immer ging es darum, dass sie als Instrumente in bezug auf das Sehen zu verstehen sind. Selbst diese Wände hier sind nicht nur in den Raum gezogen worden, um den Kunstkontext zu thematisieren, sondern sie sind wiederum Objekte, die das Sehen thematisieren. Auf ihnen passiert das Sehen. Und zu diesen Sehflächen hast du jetzt etwas Neues dazu gestellt, diese Objekte dort hinten, mit denen wir verschieden umgehen können. Ihre Bedeutung, ihr Sinn - es geht jetzt um die Frage nach der Botschaft - ist das, was wir aus ihnen herauselaborieren. Jeder von uns geht mit diesen Objekten auf seine spezifische Weise um. Ich gehe damit anders um als ein Raver. Der kommt herein und setzt sich auf den Hocker. Er betrachtet das als angenehmen, warmen Sessel. Ich setze die Hocker in Beziehung zu den visuellen Problemen, die du als Künstler stellst. Ich betreibe eine ganz andere Verwendungsart dieser Objekte als ein Raver, der aus einer ganz anderen Szene kommt. Die Gebrauchsart des Ravers interessiert mich überhaupt nicht, weil ich auf den Kunstkontext spezialisiert bin. So, wie sich der Raver überhaupt nicht für die künstlerischen Probleme interessiert. Du hast auf die Differenz zwischen Rave- und Kunst-Kultur aufmerksam gemacht. Mich würde interessieren, in welche Richtung im Verlauf deiner künstlerischen oder visuellen Problemstellungen diese Arbeit gehen soll; gerade wenn ich an deine letzten Arbeiten denke, an die Fotografien, die zeigen, was sich ausserhalb einer Galerie befindet. Deine Arbeit löst ständig einen sehr direkten und wortwörtlichen Perspektivenwechsel aus. Man setzt sich, sieht etwas an und reflektiert es neu aus der anderen Perspektive. Oder man besteigt eine Treppe von dir, schaut über eine Wand und nimmt eine Perspektive ein, die man sonst als Museumsbesucher nie einnimmt. Plötzlich kann man aus dem Museum hinausblicken. Deine Arbeit an der Biennale in Venedig kehrte auch die Perspektiven um. Anstatt von aussen nach innen zu sehen, sah man plötzlich von innen nach aussen.

GERWALD ROCKENSCHAUB: Meine tendenzielle Absicht ist es, meine Arbeit so zu gestalten, dass sie auf möglichst vielen Ebenen funktionieren kann. Für dich funktioniert die Arbeit so, für den Raver funktioniert sie anders.

Im Rahmen der Ausstellung Gerwald Rockenschaub, 'wanna play?' ein Künstlergespräch mit Yvonne Vokart am 23. November 1996. Die Ausstellung dauerte vom 23. November bis 31. Dezember 1996.

In der Galerie Susanna Kulli waren Arbeiten von Gerwald Rockenschaub erstmals 1985 in der Ausstellung Augensex zu sehen. Weitere Einzelausstellungen fanden 1988 und 1991 statt, 1995 die Ausstellung diverse Einbauten.

Gerwald Rockenschaub, geboren 1952 in Linz, lebt und arbeitet in Berlin.

Yvonne Volkart, geboren 1963 in Zürich. Studium der Germanistik, Psychologieund Kunstgeschichte an den Universitäten Zürich und Wien. Kunstkritikerin, Kuratorin und Dozentin für Kunsttheorie an der Schule für Gestaltung, Zürich, Gastdozentur an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien. Schwerpunkte: gender studies, cultural studies, Technikkritik. Diverse Katalogtexte und Essays zur zeitgenössischen Kunst.

Tonaufnahme, Transkript, Lektorat: Galerie Susanna Kulli, St. Gallen, 1996.

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