Helmut Federle, On Kawara, Walter Obholzer, Adrian Schiess, Albrecht Schnider, Galerie Susanna Kulli, St. Gallen

Kuratiert von Moritz Küng, Bruxelles

Mit Werken von Helmut Federle, On Kawara, Walter Obholzer, Adrian Schiess, Albrecht Schnider

Text Moritz Küng

EINE FORM VON GLEICHZEITIGKEIT

In unserer durch individuelle Auffassungen und Lösungen bestimmten Zeit kann und soll man keine absoluten Kategorien in der Malerei mehr verfolgen, weil Auffassungen über Abstraktion, Figuration, Realismus etc. in einer wechselseitigen Beeinflussung stehen und somit eine Akzeptanz für die Gleichzeitigkeit des Anderen gefordert ist. Malerei stellt eine aus der Vergangenheit in die Zukunft gerichtete Handlung dar, welche immer wieder von neuem mit einer unmittelbar gegenwärtigen Konstellation in Beziehung steht. Malerei bemüht sich grundsätzlich darum, eine Vorstellung oder einen Gedanken zu materialisieren, indem sich durch die Schichten von Farbe ein Zustand in ein Spiel des Auftauchens und Verschwindens dynamisiert.

Das Ausstellungsprojekt versteht sich als Einladung: einerseits an die beteiligten Künstler, den zum Teil gegensätzlichen Positionen entgegenzutreten, andererseits an den Betrachter, mit verschiedenen Auffassungen und Vorstellungen eine Konfrontation anzugehen. Das Selbstportrait auf der Ankündigungskarte des Malers Charles Wilson Peale Der Künstler in seinem Museum (1822) untermauert diese Absicht. Es zeigt den Künstler als Autorität, aber auch als eine sehr verletzliche, wenn es dem Betrachter Einblick in dessen «private Welt» gewährt.

Es mag nicht auf der Hand liegen, die fünf Künstler On Kawara, Helmut Federle, Albrecht Schnider, Walter Obholzer und Adrian Schiess in einer Präsentation einander gleichzusetzen. Was in diesem Falle alle Künstler miteinander verbindet, ist die analoge Beziehung zu einem Motiv, aber auch die kontinuierliche Auffächerung eines bestimmten Themas über mehrere Jahre hinweg, wodurch das eine Motiv immer wieder von neuem überprüft und vom Künstler vergegenwärtigt wird.

On Kawaras Date Paintings sind hier wohl das radikalste Beispiel, wie auf «anekdotische» Weise der Jetzt-Zustand des eigenen «Seins» in die Malerei eingebracht wird. Seine Position in der Ausstellung ist denn auch zweideutig, zentral und peripher zugleich.

Helmut Federle verbindet den bereits klassischen und eigengesetzlichen Kodex der abstrakten Malerei mit der eigenen Existenz. Die Kompostion der geometrisch, tektonisch bestimmten Form der Reihe Basic on Composition ist nicht nach einer mathematischen Gesetzmässigkeit, einem rational begründbaren System, aufgebaut, sondern aus subjektiv bestimmten Elementen oder Erfahrungen. Die Darstellung ist nicht analytisch und anonym, sondern suchend und dementsprechend mit emotionalen Momenten aufgeladen. Buchstaben aus dem eigenen Namen (aus dem eigenen System) sind dabei von Federle oft verwendete selbstreferenzielle Zeichen. Die inzwischen auf über 50 Bilder gewachsene Reihe Basic on Composition, welche ihren Anfang in dem 1979 entstandenen Bild Liegendes H nahm, zeigt die konzentrierte Auseinandersetzung mit einem Modiv, das immer wieder verschiedene subtile Emotionszustände durchlebt, sei es durch nuancierte Farbverschiebung, sei es durch das Stabilisieren bzw. Destabilisieren von Figur und Bildgrund mittels gestischer Eingriffe.

Albercht Schniders Landschaften orientieren sich vorerst an der gegebenen Geographie. Im Laufe der Zeit entsprach die Darstellung immer mehr einer Vorstellung, indem schablonenhatie Formen erst in ihrer Wechselwirkung mit den anderen Bildelementen Natur erkennen lassen. Die camouflageartige Verwobenheit der einzelnen Bildteile relativierte und versteckte später eine direkte geographische Bezugnahme. Die Farbauflösung in den neusten Bildern – bis zu beinahe immateriell wirkenden Weisstönen hin – scheinen auf eine Erfahrung jenseits des Gegenständlichen hinzuweisen.

Die Bildmotive von Walter Obholzer stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der bildenden respektive der angewandten Kunst und der Architektur. In den Vertikalen Panoramen wird durch die Vervielfältigung einzelner Motive und Details, aber auch die reservierte Farbigkeit und neutrale Maltechnik der horizontale Überblick auf einen Ausschnitt beschränkt. Das Marginale tritt durch die Präsentation in Gipsleisten ins Zentrum und markiert den Ort. Obholzer bedient sich des allgemein Verfügbaren, macht sich dies zu eigen, um sich selbst wieder als Autor so weit wie möglich auszuschliessen. Das Bild wird Teil des Raumes und der Architektur, bleibt aber verhalten zurückgezogen wie ein Schatten des Künstlers selbst.

Verschmelzen von Raum und Bild ist auch in den Flachen Arbeiten von Adrian Schiess potentiell vorhanden. Das Bild ist von der Wand losgelöst und befindet sich in einem provisorischen Zustand. Die einzelne Farbfläche wirkt hermetisch geschlossen, wird in der Addition aber als offenes Farbfeld oder Landschaft lesbar. Schiess verzichtet gänzlich auf Komposition und Darstellung, auf Gestik und Konzept. Seine Malerei besteht ausschliesslich aus dem Sein der Farbe in einem räumlichen Kontext, wobei durch äusserste Zurücknahme auf einen vorsprachlichen Zustand von Malerei verwiesen wird.

Moritz Küng, Bruxelles, Juli 1994

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